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Köppen

Wirtschaftsregion Saarbrücken e.V. - Ein Verein setzt neue Impulse für den Wirtschaftsraum

06.07.2020

› Interview mit Lukas Köppen, Geschäftsführer Wirtschaftsregion Saarbrücken e.V.

Der Regionalverband Saarbrücken betreibt Wirtschaftsförderung nicht nur für Unternehmen, sondern gemeinsam mit Unternehmen. Im Wirtschaftsentwicklungsverein „Wirtschaftsregion Saarbrücken e.V.“, der vor zwei Jahren gegründet wurde, werden die regional ansässigen Unternehmen selbst zu Impulsgebern im gemeinsamen Bemühen, die Zukunftspotenziale der Region Saarbrücken zu heben. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer des Vereins Lukas Köppen:



Herr Köppen, mit der Gründung eines Wirtschaftsentwicklungsvereins geht der Regionalverband Saarbrücken einen ungewöhnlichen Weg. Wie ist die Idee zur Vereinsgründung entstanden?

Die Idee zur Vereinsgründung im Jahr 2018 ist im Rahmen eines gemeinsamen Analyseprozesses entstanden, in dem die Gründungsinitiatoren des Vereins - Regionalverband, Landeshauptstadt und Sparkasse Saarbrücken, die Stadt Völklingen und eine Reihe regional ansässiger Unternehmer -Möglichkeiten der Vernetzung anhand von Beispielen aus anderen deutschen Wirtschaftsregionen diskutiert haben. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass es im heutigen Wettbewerb um Investitionen und Zukunftspotenziale mit anderen Wachstumsregionen notwendig ist, die vor Ort vorhandenen Potenziale, das Know-how und die Erfahrungen noch besser und zielgerichteter zu nutzen und zu vernetzen. Wir wollen gemeinsam mit Unternehmen und anderen Wirtschaftsakteuren feststellen wo der Schuh drückt, um mit gemeinschaftlichen Maßnahmen Abhilfe zu schaffen.

Wie sehen diese Maßnahmen konkret aus?

Unsere Mitglieder behandeln derzeit vier Schwerpunktthemen in unterschiedlichen Teams: Willkommenskultur für Investoren, Schaffung attraktiver Wohn- und Gewerbeflächen, Fachkräfteverfügbarkeit und Herausforderungen des digitalen Wandels. In diesen Teams finden regelmäßig Workshops statt, in denen Maßnahmen herausgearbeitet und letztlich auch umgesetzt werden. So entstanden zum Beispiel Veranstaltungen, in denen wir mit Experten diskutiert haben, woran der Breitbandausbau in unserer Region hakt oder wie ich mich als Unternehmer verhalte, wenn ich gehackt wurde. Demnächst werden wir uns in dieser Form auch mit dem Generalthema „Investieren im Regionalverband“ beschäftigen und dabei eine eigene Standortbroschüre vorstellen. Die Ideen zu Maßnahmen kommen also von den Unternehmen selbst. Das garantiert uns als öffentliche Wirtschaftsförderung und unseren Strategien die maximale Praxisnähe.

Nun kommt der öffentlichen Wirtschaftsförderung während der Coronapandemie und den damit einhergehenden wirtschaftlichen Verwerfungen eine besondere Rolle zu. Gibt es spezielle Maßnahmen, die der Verein im Zuge dessen umgesetzt hat?

Um Wünsche und Erwartungshaltungen abzufragen und damit die Basis für mögliche Maßnahmen zu legen, wurde eine Onlineumfrage an alle Vereinsmitglieder gerichtet. Was sicherlich nahezu alle Branchen herausgefordert hat, war die radikale Notwendigkeit und Schnelligkeit der Digitalisierung. Hier hat der Verein Online-Seminare angeboten, um die Unternehmen gerade in den Bereichen Homeoffice bzw. Remotearbeit zu unterstützen. Außerdem investiert der Verein in unterschiedliche Marketinginstrumente, um erneut eine verträgliche Besucherfrequenz in den Innenstädten zu generieren. Das ist insbesondere für den stationären Handel überlebensnotwendig. Außerdem bietet der Verein seit dem 1. Juli eine Videokonferenzreihe „compact!“ an, in der eine Werkzeugkiste an möglichen betriebswirtschaftlichen Instrumenten zusammengetragen wird, die Unternehmen darin unterstützen können, gestärkt aus der Krise hervorzugehen – von Tipps zur Bonität und Liquidität, zur Erstellung der Jahresbilanz oder zur Notwendigkeit der Anpassung der grundsätzlichen Unternehmensstrategie. Bei all den Vereinsmaßnahmen wird immer wieder deutlich, wie viel Herzblut und Engagement die Unternehmer bereit sind zu investieren, um sich gegenseitig zu unterstützen und um den Wirtschaftsraum Saarbrücken ganzheitlich nach vorne zu bringen.

Was wünschen Sie sich für die weitere Entwicklung des Wirtschaftsentwicklungsvereins?

Natürlich wünsche ich mir, dass sich weiterhin derart viele Unternehmer im Sinne einer zukunftsgerichteten, positiven Regionalentwicklung in der Vereinsarbeit miteinbringen und engagieren und dass es uns gelingt, das Netzwerk der Wirtschaftsregion Saarbrücken weiter auszubauen. Letztlich bildet der Verein mit seinen heute über 100 Mitgliedern auch eine starke Interessensvertretung der regionalen Wirtschaft, deren Stimme mit jedem Mitglied mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Und mit jedem Mitglied gewinnen wir einen potentiellen Impuls zur Stärkung der Wirtschaftskraft unserer Region. Selbstverständlich ist dabei jeder Wirtschaftsakteur herzlich willkommen und eingeladen, den Verein sowie die Menschen, die dahinterstehen kennenzulernen. Der einfachste Weg dazu führt über unsere Internetseite.

Kontakt: Lukas Köppen, Geschäftsführer Wirtschaftsregion Saarbrücken e.V.

Telefon:+46 681 506 6016
E-Mail: lukas.koeppen@wirtschaftsregion-saarbruecken.de
Web: www.wirtschaftsregion-saarbruecken.de

Klaus

Wirtschaftsförderung Neunkirchen: Unterstützung durch Information und Beratung

03.07.2020

› Interview mit Klaus Häusler, Leiter der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Neunkirchen

Die Corona-Krise hat viel Informations- und Beratungsbedarf ausgelöst. Wir sprachen mit dem Leiter der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Neunkirchen, Klaus Häusler, über die Herausforderungen kleiner und mittlerer Unternehmen, sowie deren Lösungsmöglichkeiten

Herr Häusler, Sie sind mitten im Geschehen, sprechen mit vielen Unternehmen und Unternehmern. Welche Themen stehen derzeit ganz oben bei den Betrieben?

Es geht um Finanzierung und Digitalisierung. Dazu benötigen die saarländischen Unternehmen während und dann auch nach der Krise umfangreiche Beratung. Nachdem die Landesprogramme jetzt laufen, warten wir auf die Richtlinien des neuen, großen Bundesprogrammes und der Förderprogramme. Damit sollen die Sommermonate, die ja häufig auch sehr ruhig sind, über weitere sechs Monate bis Ende des Jahres abgefedert werden. Hier wird es wie bei den Landesprogrammen während des Lockdowns einen erhöhten Informations- und Beratungsbedarf geben. Als Wirtschaftsförderungsgesellschaft sehen wir uns als externe Stabsstelle für den Mittelstand, bei dem der Unternehmer sich noch um alles Wichtige selbst kümmert. Wir sind in schwierigen Situationen für die saarländischen KMU da.

Wie gehen Sie vor, wenn es um die Digitalisierung geht? Diese hat in den letzten Monaten ja einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht.

Ja, das stimmt. Gemeinsam mit saaris und dem KomZet Saar bieten wir einen virtuellen Onlinesprechtag zum Thema Digitalisierung an. Unternehmen können sich dazu anmelden und ganz individuell zu ihrer gewünschten Zeit ihre persönlichen Fragen stellen. Beim saarländischen Landesprogramm DigitalStarter beispielsweise fördert das Saarland kleine und mittlere Unternehmen bei der Einführung neuer digitaler Systeme sowie der Verbesserung der IT-Sicherheit. Das Ziel: Effizienzgewinne und Wachstumschancen schaffen sowie den Digitalisierungsgrad kleiner und mittlerer Unternehmen aus allen Branchen im Saarland erhöhen. KMU erhalten dort bis zu 10.000 Euro als Zuschuss zu ihrem Digitalisierungsprojekt.

Wir informieren auch über das Bundesprogramm go-digital. Mit seinen drei Modulen "Digitalisierte Geschäftsprozesse", "Digitale Markterschließung" und "IT-Sicherheit" richtet sich go-digital gezielt an kleine und mittlere Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft und an das Handwerk. Gefördert werden Beratungsleistungen in einem ausgewählten Hauptmodul mit gegebenenfalls erforderlichen Nebenmodulen mit einem Fördersatz von 50 Prozent auf einen maximalen Beratertagesatz von 1.100 Euro. Der Förderumfang beträgt maximal 30 Tage in einem Zeitraum von einem halben Jahr.

Auch das Thema Weiterbildung gehört zu Ihren Schwerpunkten. Inwiefern?

Die Unternehmen mit allen notwendigen Informationen zu versorgen, die sie benötigen, sehe ich als eine der essentiellen Aufgaben der Wirtschaftsförderung. Weiterbildungsmaßnahmen gehören da sicher dazu. Gerade bei der Digitalisierung, die langfristig über zukünftigen Erfolg oder Misserfolg entscheidet und die im Moment immer noch für viele ein unbekanntes Terrain ist, müssen die Mitarbeiter mitgenommen und vor allem weitergebildet werden. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Neunkirchen steht für Weiterbildungsberatung und Kompetenz durch Fortbildungen. Bis Ende 2021 können Unternehmen beispielsweise ein Zuschuss von 50% erhalten, wenn sie ihre Belegschaft im Bereich Digitalisierung weiterbilden. Das wissen viele nicht. Dazu informieren und beraten wir.

Bartsch

China: Chance oder Risiko?

30.06.2020

› Rückblick auf die China-Diskussion mit Bernhard Bartsch, Senior Expert China and Asia Pacific der Bertelsmann-Stiftung

China ist ein wichtiger Partner für das Saarland. Welche Rolle wird das Land in der Außenwirtschafts- und Zukunftsstrategie für den Industrie- und Wirtschaftsstandort Saarland spielen? Diese Frage beschäftigt derzeit zahlreiche saarländische Unternehmen. Wo geht der Weg hin? Weitere Nähe oder mehr Distanz? Eine virtuelle saaris-Veranstaltung war Auftakt zu diesem wichtigen Thema der Außenwirtschaft.

Bernhard Bartsch von der Bertelsmann Stiftung informierte die etwa 30 Teilnehmer in einem Online-Seminar des saaris-Bereichs Außenwirtschaft ausführlich über den Stand der Dinge und mögliche Zukunftsszenarien, mit denen sich die saarländische Wirtschaft befassen müsse: „Umfragen zeigen: Europäer sehen mit China starke gemeinsame wirtschaftliche Interessen, aber kaum politische Gemeinsamkeiten oder geteilte Werte. Das Verhältnis zu China ist in der europäischen Öffentlichkeit aber viel weniger politisch aufgeladen als etwa in den USA – das ermöglicht sachorientierte wirtschaftliche Beziehungen.“ Eine Abhängigkeit von China sieht der Asienexperte in der Breite der Wirtschaft nicht, wohl aber für einige Unternehmen wie in der Automobilbranche. Hier gelte es, eine größere Diversifizierung anzustreben. Über europäische Souveränität müsse nicht nur im Zusammenhang mit kritischen Technologien wie 5G-Telekommunikationsnetzen diskutiert werden, sondern wie jetzt erlebt auch bei medizinischer Schutzkleidung. „Klare Sicherheitsstandards und resiliente Lieferketten, etwa durch die Verteilung auf mehrere Produktionsstandorte und Länder, sind hier der Schlüssel.“

Europa als starker Partner zwischen China und den USA?

Wo sieht die Bertelsmann Stiftung im dauerhaften Konflikt zwischen USA und China Europa? Steuern wir in einen Wettbewerb der Systeme? Ein eindeutiges „Ja“ seitens der Stiftungsexperten. Aber, und das ist die gute Nachricht: Ob Europa in diesem Dauerstreit zerrieben wird oder ein starker Partner und Akteur in der globalen Wirtschaft der Zukunft sein wird, hat es selbst in der Hand. „Wie sich die USA und China zueinander verhalten, können wieder leider nicht beeinflussen. Europa ist nicht dazu verdammt, in diesem Wettbewerb nur Zuschauer sein, sondern sollte sich als selbstbewusster Akteur positionieren“, so Bartsch.

Gute Erfahrungen aber auch Unsicherheiten: Dialog und Austausch notwendig

Grund genug für saaris-Geschäftsführer Stephan Schweitzer eine China-Strategie für das Saarland anzumahnen und zu initiieren. Die Veranstaltung sei der Auftakt eines Dialogs und Austauschs von Unternehmen, Forschung und Institutionen: „Wir brauchen den Dialog. Viele haben mit China positive Erfahrungen gemacht, trotzdem herrscht eine große Unsicherheit darüber, wie sich saarländische Unternehmen dem großen Markt China nähern sollen“. Prof. Dr. Dieter Wallach, Geschäftsführer und Mitbegründer der Saarbrücker Ergosign GmbH berichtete während der virtuellen Veranstaltung über seinen Weg zu einem deutsch-chinesischen Joint Venture, das jetzt seit einem Jahr besteht: „Wir haben uns an unsere chinesischen Partner langsam herangetastet, ausgelotet, überprüft und 15 Monate in die Vorbereitungen gesteckt. Überrascht waren wir über die Offenheit und Geschwindigkeit der Chinesen. Davon profitieren wir auf jeden Fall mit ersten Großprojekten und gemeinsamen Messeauftritten“. Der Technologieunternehmer möchte nach jetzt einem Jahr keine Bewertungen aussprechen, ist aber durch die positiven Erfahrungen bestärkt, den Weg optimistisch weiterzugehen. Ähnlich gute Erfahrung machte auch eine saaris- Reise im letzten Herbst nach China mit drei Start-Up-Unternehmen, die durchweg gestärkt zurückkamen.

saaris: „Wir machen uns jetzt auf den Weg in die Zeit nach Corona und laden dazu alle ein, die partizipieren möchten“

Wichtig sei die Differenzierung und auch Trennung zwischen dem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen China, so Schweitzer. Es gehe um große Fragen der Industriepolitik, die Zeit, Erfahrungen und vor allem Vernetzung brauchten. Die Projektleiterin Saarland International bei saaris, Nicole Boissier, die die Veranstaltung leitete und Stephan Schweitzer versprachen genau das sowie intensive Unterstützung: „Wir machen uns jetzt auf den Weg in die Zeit nach Corona und laden dazu alle ein, die partizipieren möchten. Wir möchten gemeinsam mit Ihnen diskutieren, welche Chancen und Risiken beim größten Markt der Welt bestehen und wie wir mit ihnen umgehen“.

Barke
27.06.2020

› Interview mit Jürgen Barke, Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr

Das saarländische Wirtschaftsministerium steht den Unternehmen seit Beginn der Corona Pandemie tatkräftig zur Seite. Die Soforthilfe-Programme des Landes waren und sind eine wichtige Maßnahme, aber nicht der einzige Handlungsansatz. Herr Staatssekretär, Sie und ihre Mitarbeiter sind seit Wochen unermüdlich im Dauereinsatz. Wie hat die Pandemie ihre Arbeit verändert, worauf kommt es jetzt besonders an? Wir haben im Saarland zu Beginn der Krise sehr schnell unser erstes Soforthilfeprogramm für Kleinstunternehmen aufgelegt. Gerade kleine und mittlere Unternehmen geraten in derartigen Krisenzeiten schnell in eine wirtschaftliche Schieflage – hier Unterstützung anzubieten ist oberstes Gebot der Stunde für die Politik. Auf dem Spiel stehen Arbeitsplätze und Existenzen.

Für die Abwicklung der Soforthilfe-Programme mussten wir von jetzt auf gleich umstrukturieren – und das unter erschwerten Bedingungen angesichts der erforderlichen Hygienemaßnahmen. Ein Großteil der Mitarbeiter ist ad hoc in die Abwicklung der Programme eingestiegen, das Tagesgeschäft musste daneben aber natürlich auch bewältigt werden. Dennoch haben viele der Angestellten nicht gezögert, auch an Wochenenden, Feiertagen, im Home Office mit kleinen Kindern oder mit Home-Schooling-Kindern zu arbeiten. Bei der großen Flut von Anträgen war das Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die treibende Kraft.

Nach dem ersten Corona Schock beginnt nun eine neue Phase im Umgang mit den Corona-Folgen. Wir müssen nun so schnell wie möglich die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben wieder ankurbeln – natürlich immer mit Blick auf die Infektionszahlen. Corona ist nicht einfach dabei, daher ist es wichtig, dass wir vorausschauend handeln. Wir wollen das eine tun ohne das andere zu lassen. Eine der wichtigsten Aufgaben ist daher, gezielt weitere Unterstützung für die saarländischen Unternehmen bereit zu stellen. Das milliardenschweren Konjunkturprogramm der Bundesregierung, schafft Entlastung für Kommunen, Familien und Beschäftigte und stärkt gleichzeitig die Kaufkraft. Daneben tritt das ZukunftspaketSaar: Der saarländische Nachtraghaushalt ist ein Lichtblick für unsere Wirtschaft, unsere Industrie und letztlich unser Saarland. Beide Pakete werden unserem Land einen kräftigen Schub geben. Wir werden sie nutzen, um die saarländischen Unternehmen auf dem Weg aus der Krise zu stärken.

Die wirtschaftlichen Prognosen für das Saarland sind alles andere als rosig. Und viele Unwägbarkeiten bleiben bestehen, denn die Pandemie ist ja noch nicht vorbei. Das Saarland ist wie kein anderes Bundesland im Strukturwandel erfahren, und muss sich nun erneut großen Herausforderungen stellen. Wie ist angesichts der aktuellen Lage der Fahrplan für die saarländische Wirtschaftspolitik? Wieviel Gestaltungsspielraum gibt es für die Politik auf Landesebene?

Der Strukturwandel im Saarland und insbesondere in der saarländischen Wirtschaft war gerade in vollem Gange, als uns Corona traf. Wir stehen nun vor der Aufgabe, dass wir zusätzlich die konjunkturellen Folgen der Pandemie bewältigen müssen, während gleichzeitig die Corona-Krise Strukturwandel und Digitalisierung weiter beschleunigen dürfte.

Vieles, was wir schon vorher zur Bewältigung des Strukturwandels in die Wege geleitet haben, beispielsweise die Auflösung des Sanierungsstaus im Saarland im Rahmen der Investitionsoffensive Saar, unser Vorhaben, das Saarland zur Modellregion im Bereich Wasserstoff zu machen, die Dynamisierung des Technologietransfers mit dem Innovation Campus für Cybersicherheit und KI oder dem East Side Fab für mehr Gründungen, Ansiedlungen und ein hochinnovatives Startup-Geschehen im Land oder aber die Entschuldung der Kommunen durch den SaarlandPakt, bleibt richtig, aber wird nun noch dringender.

Mit der Einrichtung einer Transformationsplattform zur Vermittlung von Beschäftigten aus strukturwandelbetroffenen Unternehmen und Branchen wollen wir im Wirtschaftsministerium die richtigen Kontakte herstellen zwischen Unternehmen, die Arbeitsplätze einsparen müssen, möglichen Transfergesellschaften und Unternehmen mit dem entsprechenden Fachkräftebedarf. Das ist eines der Handlungsfelder, auf dem ein gemeinschaftliches Handeln aller maßgeblichen Akteure Voraussetzung ist. Wir haben daher auch im Rahmen einer Strukturwandelinitiative die Interessenvertretungen zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit an einen Tisch geholt, um uns mit ihnen auf Maßnahmen zur Bewältigung des Strukturwandels verständigen. Wichtig ist, dass wir nun alle unsere Handlungsmöglichkeiten nutzen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Saarlandes zu erhalten – da müssen alle an einem Strang ziehen. Die deutschen Schlüsselindustrien für die Zukunft aufzustellen ist eine gesamtdeutsche Aufgabe. Besonders Stahl- und Automobilindustrie brauchen die massive – auch finanzielle – Unterstützung von Bundesregierung und EU für Investitionen in eine emissionsärmere Produktion. Das Saarland bietet sich als Modellregion für eine klimaschonende und in letzter Konsequenz CO2-neutrale Stahlerzeugung an.

Wenn das Saarland zur Modellregion für einen gelingenden Strukturwandel werden soll, brauchen wir aber auch faire Wettbewerbsbedingungen für unsere Saarwirtschaft. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns weiter für Änderungen der Europäischen Beihilferegeln oder für Bundesbürgschaften für betroffene Branchen einsetzen. Das Saarland ist in besonderem Maße abhängig von der Stahl- und Automobilbranche – beides Industriezweige, die von tiefgreifenden Transformationsprozessen betroffen sind. Damit wir als Land gerade Unternehmen aus diesen Branchen unterstützen können, gehen wir im Saarland mit unserer Förderung sowohl inhaltlich als auch fördersatz- und betragsmäßig bereits regelmäßig an die Grenzen dessen, was derzeit beihilferechtlich möglich ist. Aus diesem Grund brauchen wir bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben neben finanzieller auch regulatorische Unterstützung aus Berlin.

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung hat viele richtige Schwerpunkte, weil es auf Zukunft und Aufbruch setzt, indem es für Investitionen und vor allem für einen Modernisierungsschub in Industrie, Schule, Kita, Verwaltung und im Mobilitätssektor sorgt. Von vielem könnte das Saarland profitieren. Wir werden uns sehr dafür einsetzen, Fördergelder und regionale Cluster ins Saarland zu holen.

Der Mittelstand, so haben Sie es einmal treffend formuliert, ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Um in diesem Bild zu bleiben, wie kann es uns gelingen grade den mittelständischen Unternehmen den Rücken zu stärken?

In den vergangenen Monaten haben wir auf Landes- und Bundesebene versucht, mit den Corona-Soforthilfeprogrammen möglichst vielen mittelständischen Unternehmen eine temporäre Unterstützung zu geben. In den nächsten Monaten ist es vor allem wichtig, die Liquidität saarländischer mittelständischer Unternehmen im Zuge der Corona-Krise weiter zu sichern. Parallel zu den breit angelegten Maßnahmenpaketen des Bundes und den neuen Programmmaßnahmen der KfW wurden auch im Saarland die Kredit- und Bürgschaftsprogramme weiterentwickelt. Beispielsweise können kleine und mittlere Unternehmen im Saarland seit Anfang April das 25-Mio.-Euro-Kreditprogramm „Sofort-Kredit-Saarland” in Anspruch nehmen, welches das Wirtschaftsministerium gemeinsam mit der Saarländischen Investitionskreditbank (SIKB) aufgelegt hat.

Mit dem Ziel, insbesondere auch für kleinere und Kleinstunternehmen den Zugang zu Betriebsmittelfinanzierungen zu beschleunigen, die aufgrund der Corona-Krise dringenden Liquiditätsbedarf haben, sollen zudem zeitlich begrenzt Änderungen und Weiterungen der Rückbürgschaftserklärung des Saarlandes umgesetzt werden, die zu höheren Rückbürgschaftsanteilen zugunsten der Bürgschaftsbank Saarland GmbH führen werden. Das wird zu verbesserten Bürgschaftsübernahmemöglichkeiten bei der Bürgschaftsbank Saarland GmbH führen. Nicht zuletzt soll der saarländische EFRE-Nachrangdarlehensfonds um eine Förderung von Ausgaben für Investitionsvorhaben zur Stärkung der Krisenreaktionskapazitäten im Zusammenhang mit der Corona-Krise erweitert werden.

Inzwischen wurden die Corona-Maßnahmen zwar weitgehend gelockert, so dass die Wirtschaft wieder angesprungen ist. Es gibt allerdings Branchen, die weiterhin besonders stark unter der Pandemie leiden. Dazu zählen nicht nur nach wie vor der Handel, die Hotellerie und Gastronomie, sondern auch die Veranstaltungsbranche und Kulturszene. Ihnen müssen wir in den nächsten Monaten mit weiteren Corona-Hilfen besonders den Rücken stärken, sie mit Überbrückungshilfen schützen und stabilisieren. Parallel dazu müssen jetzt auch die Regelprogramme wieder hochgefahren werden, welche die Wirtschaft auch in normalen Zeiten unterstützen (z.B. Investitionsförderung, Tourismusförderung, Kulturförderung). Auch die Autoindustrie einschließlich der Zuliefererbranche muss gestärkt werden, denn keine andere Branche hat eine solche Wertschöpfungstiefe, gerade im Saarland. Mit der Elektroautoprämie der Bundesregierung sollen die industriellen Lieferketten auch hier im Saarland unterstützt werden. Und von der Mehrwertsteuersenkung der Bundesregierung wird die gesamte Automobilbranche profitieren. Diese besondere Förderung, gerade der Zulieferer, ist richtig und wichtig. Die Entscheidung, moderne Verbrenner dabei nicht einzuschließen, ist wiederum sehr kritisch zu sehen. Es wird in der Folge dazu führen, dass die Unternehmen Kostenstrukturen hinterfragen werden. Und das erhöht den Druck auf die Beschäftigung.

Letztlich müssen wir auch die saarländische Außenwirtschaft noch einmal in den Blick nehmen: Auch sie soll kurzfristig unterstützt werden. Diese steht wegen den Auswirkungen der Coronapandemie vor riesigen Herausforderungen. Schon in den vergangenen Monaten gab es immense Einbrüche beim saarländischen Export – Tendenz weiter fallend. Darauf müssen wir die Außenwirtschaftsförderung ausrichten. Aktuell führen wir zusammen mit der Saaris, gw saar und IHK eine Umfrage unter saarländischen Unternehmen durch, um zu ermitteln, inwieweit Lieferketten jetzt umgebaut werden, und welche Auslandsmärke unsere mittelständischen Unternehmen künftig verstärkt erschließen oder weiterentwickeln wollen. Von der Auswertung dieser Umfrage erwarten wir uns viele wichtige Erkenntnisse für unsere Arbeit. Eines wissen wir jedoch schon jetzt: KMU und Startups, die jetzt neue Märkte erschließen wollen, brauchen mehr Unterstützung als je zuvor. Sowohl qualitative Umfragen wie auch quantitative IHK-Umfragen haben zu Genüge gezeigt, dass alle exporttreibenden Unternehmen unter den Auswirkungen der Pandemie leiden. Deshalb wollen wir die Förderquoten unserer beiden Internationalisierungsprogramme „goInternational“ und „InKontakt“ nach oben anpassen. Das Sonderprogramm Corona-Außenwirtschaft soll allen mittelständischen Unternehmen offen stehen. Langfristige Wirkung kann aber nur eine starke Zukunftsstrategie für den Industriestandort Saarland entfalten. Wir müssen ab jetzt massiv in eine bessere und klimaschonende Zukunft investieren, d.h. nicht nur mit kurzfristig wirkungsvollen Maßnahmen sondern auch und vor allem mit ökologisch zukunftstauglichen Maßnahmen. Andernfalls läuft der Industriestandort Saarland Gefahr, irgendwann die ökologische Wende zu verpassen und an der globalen Wertschöpfungskette nicht mehr teilhaben zu können. Im Saarland steht die Automobil- und Zulieferindustrie vor einem grundlegenden Wandel: Wie erreichen wir klimaschonende Mobilität und sichern gleichzeitig Arbeitsplätze ? Grüner Stahl und grüne Mobilität sind keine Bedrohung, sondern unsere Chance.

Scholl

St. Wendeler Land: Einzelhandel profitiert von Plattform „KeepFresh“

26.06.2020

› Interview mit Hans-Josef Scholl, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft St. Wendeler Land

Hans-Josef Scholl leitet die Wirtschaftsförderungsgesellschaft St. Wendeler Land mbH. Schon 2018 startete er gemeinsam mit Globus ein Großprojekt im Landkreis St. Wendel. Sein Ziel: Den Einzelhandel auf das digitale Zeitalter vorbereiten. Durch Corona erhält dieses saarländisch einmalige Projekt eine ganz neue Dimension. Der Chef-Wirtschaftsförderer aus St. Wendel erzählt warum, wie das Projekt aufgebaut ist, welche Schritte in der Praxis notwendig sind und waren und wie vor allem die kleinen Geschäfte davon profitieren.

Herr Scholl, Sie initiieren im St. Wendeler Land gemeinsam mit Globus die Plattform "KeepFresh". Was hat es damit auf sich?

Bei diesem Projekt geht es darum, zu einer zukunftsorientierten Daseinsvorsorge im ländlichen Raum beizutragen. Dies geschieht mit einer innovativen digitalen Online-Plattform (Marktplatz für Lebensmittel und für Artikel des täglichen Bedarfs), unter Einbeziehung der lokalen Akteure (Händler, Erzeuger, Hersteller) und mit Umsetzungsunterstützung von ehrenamtlichen Dorfcoaches. Mit dem Zusammenwirken dieser drei Projekt-Säulen (Digitalisierung, lokale Akteure und Ehrenamt) sollen zudem in den teilnehmenden Dörfern schwindende Kommunikationsstrukturen und verwaiste Begegnungsorte revitalisiert bzw. neu geschaffen werden.

Die Idee zu diesem Projekt wurde gemeinsam von den drei Partnern unseres Regionalentwicklungsnetzwerkes im St. Wendeler Land (Wirtschaftsförderungsgesellschaft St. Wendeler Land mbH (WFG), Landkreis St. Wendel (LK WND) und der Kulturlandschaftsinitiative St. Wendeler Land e.V. (KuLanI)) entwickelt. In das Projekt sind viele Akteure aus dem öffentlichen Sektor, der Wirtschaft sowie Sozialpartner und das Ehrenamt eingebunden. Mittlerweile sind sechs Dörfer, elf ehrenamtlich tätige Dorfcoaches, zwölf regionale Händler bzw. Produzenten und mehr als 100 Testkunden aktiv beteiligt.

Das saarländische Unternehmen CEMA UG fungiert als Plattformbetreiber, sichert den Plattformbetrieb und leistet in Abstimmung mit den Projektpartnern den gemeinsamen Vertrieb im LK St. Wendel. Das börsennotierte Unternehmen SinkaCom fungiert als beratender Technologiepartner, leistet das E-Business, stellt die Plattform technisch bereit und sichert die Weiterentwicklung der Plattform.

Gibt es konkrete Positivbeispiele aus Ihrem Wirkungskreis?

Ich würde sagen, in der Industrie liegen die Forschungsprojekte momentan teilweise noch auf Eis, in der IT-Branche ist das Interesse gestiegen – wobei die gute Auftragslage in dieser Branche wiederum Engpässe beim Personal verursachen kann. Hier können wir das Argument ins Feld führen, dass man durch eine Hochschulkooperation F&E einfach auslagern kann, wenn intern die Ressourcen fehlen. In der Hochzeit der Corona-Pandemie war dies natürlich aufgrund der Laborschließungen kein Argument. Jetzt läuft der Forschungsbetrieb aber wieder relativ normal. Umwelt- und Energietechnik, Life Science, Neurotechnologien – das sind ebenfalls Branchen, in denen es gut läuft und wir gerade neue Projektinitiativen begleiten.

Wie liefen die Testläufe? Wie kann der Handel in Ihrem Landkreis davon profitieren?

Die Testläufe von Smart Village Remmesweiler gliederten sich in drei Phasen:



In der ersten Phase (01.05.2018 bis 30.06.2019) wurden die Online-Plattform aufgebaut, die Händler, Testkunden, Dorfcoaches und der Logistiker akquiriert. Dabei wurde der folgende Ablaufprozess konzipiert und schrittweise verstetigt: Die teilnehmenden Testkunden treffen sich in dem jeweiligen Dorfgemeinschaftshaus zum geselligen Beisammensein (Dorffrühstück), geben ihre Bestellungen auf und/oder nehmen ihre Lieferungen in Empfang.

In der zweiten Phase (01.07.2019 bis 15.03.2020) wurde ein containerbasierendes Verteilzentrum errichtet. Das Warenangebot wurde systematisch ausgebaut, die Kommunikation in den Dörfern intensiviert. Diese zentralen Anlieferstellen in den Dorfgemeinschaftshäusern zeigte Kostensenkungspotenziale bei der letzten „letzten Meile“ auf und sicherte von Beginn an die von allen Akteuren gewünschte wiederbelebte Kommunikation im Dorf. Von entscheidender Bedeutung war ebenfalls die Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks im gesamten Prozess.

Die dritte Phase des Projekts (16.03.2020 bis 30.06.2021) hat zum Ziel, Logistikabläufe kontinuierlich fortzuentwickeln, neue Dörfer bzw. Händler für das Projekt zu gewinnen und Keepfresh als Online-Marktplatz aus dem Blickwinkel der Plattformökonomie zu optimieren.

Zurzeit sind auf der Plattform folgende Händler bzw. Erzeuger aktiv: Globus St. Wendel als wichtiger Vollversorger, Wendelinushof St. Wendel, Firma Klein Buch & Papier aus St. Wendel, Bäckerei Kaiser aus Winterbach, Bäckerei Gillen aus St. Wendel, Firma Dronova (Drogerie) aus St. Wendel, Firma History (Jeans&Fashion) aus St. Wendel, Josef der Geflügelhof aus Hasborn-Dautweiler, Schneiders Bioladen aus St. Wendel, Ziegenhof Theiss aus Albessen/Kusel, Bauer Brassel aus Albsessen / Kusel und Bio Genesa (Naturkosmetik) aus Marpingen.

Erste Datenauswertungen haben gezeigt, dass insbesondere die regionalen Unternehmen von dem Online-Marktplatz am stärksten profitieren.

Auf der Plattform sind auch Unternehmen mit geringen Umsätzen präsent, oftmals ohne eigenen Online-Shop. Einige diese Unternehmen haben erstmals Berührung mit Online-Marketing. Ihnen fehlt oftmals eine klare Strategie bezogen auf ihre Zielgruppe, ihr Sortiment oder einfach auch nur die Präsentation der angebotenen Waren und/oder der bereit gestellten Artikelinformationen. Alle teilnehmenden Handelsunternehmen benötigen Hilfen und Unterstützungen auf dem Weg in eine bestmögliche Nutzung der Online-Plattform.

Im Zusammenspiel zwischen kleineren regionalen Anbietern und einem großen Vollversorger stellen wir fest, dass es klare Wechselwirkungen gibt. Der Vollversorger ist für alle Kunden interessant. Das bringt Kundenfrequenz auf die Plattform. Eine hohe Kundenfrequenz auf der Plattform interessiert auch die regionalen Anbieter mit ihrem kleinen spezifischen Sortiment. Sie erreichen somit auf einfache Art und Weise neue Kundengruppen. Kunden, welche eher als Stammkunden bei regionalen Anbietern einkaufen, können sich zusätzlich bei dem Vollversorger mit Ergänzungseinkäufen bedienen.

Alle am Projekt „Smart Village“ teilnehmende Kunden und alle teilnehmenden Händler profitieren insbesondere davon, dass derzeit weder Liefergebühren noch Händlerlizenzgebühren berechnet werden. Diese Kosten sind für die Dauer der Förderung über die Projektmittel gedeckt.

In ländlichen Regionen mit einer schlechter Nahversorgung kann der Lösungsansatz von Smart Village einen wesentlichen Beitrag zur Daseinsvorsorge leisten. In diesen Regionen ist die Politik dauerhaft gefordert – ähnlich wie beim ÖPNV – Finanzmittel bereit zu stellen, um die Liefergebühren entweder vollständig oder zumindest teilweise zu erlassen.

Die Krise des Einzelhandels hat sich mit Corona noch verschärft. Was raten Sie den Händlern, wie sie jetzt agieren sollten, um am Ende gestärkt aus der Krise zu gehen?



Handel muss nicht zwangsläufig nur ausschließlich in einem Ladengeschäft stattfinden. Corona hat diese Einsicht mehr als verdeutlicht. Die großen Gewinner der Krise sind bislang die weltweit agierenden Plattformbetreiber wie z. B. Amazon. Auch in den ländlichen Regionen haben die Menschen feststellen können, dass sie auf fast keinen Artikel des täglichen Bedarfs beim Einkauf über eine Online-Plattform wie Amazon verzichten mussten (vlt. außer Toilettenpapier).

Mit unserem Projekt „Smart Village“ haben wir einerseits festgestellt, dass die Reichweite von regional agierenden Plattformen interessant sein kann. Gerade auch lokale Händler können hier ihre Produkte verkaufen. Der Vorteil: Mithilfe eines Online-Marktplatzes kann ein größerer potenzieller Kundenstamm angesprochen werden und der Einzelhändler muss nicht den Weg des verlorenen Einzelkämpfers in der Digitalwelt von Amazon gehen.

Andererseits hat die Corona-Krise bei den Menschen in ländlichen Räumen eine starke Sensibilisierung für die Bedeutung von lokalen Akteuren gesorgt. Hier liegt eine große Chance des Einzelhandels. Corona löst einen Innovationsschub in vielen Lebensbereichen wie auch im Onlinehandel aus. Die Menschen in ländlichen Regionen entdecken in der Corona-Krise die große Bedeutung von lokalen und regionalen Akteuren wieder.

Wir stellen also fest, dass in der aktuellen Situation die Digitalisierung des Handels eine immer größere Bedeutung bekommt. Neue Absatzwege zu finden und neue Kooperationen einzugehen sollten im Fokus des lokalen Einzelhandels stehen, denn die aktuelle Situation bedeutet einerseits Herausforderungen, bietet aber andererseits auch viele Chancen. Jetzt gilt es eine dringend gebotene höhere digitale Fitness zu entfalten und neue Kooperationsstrategien zwischen unterschiedlichen Akteuren zu entwickeln und auf den Weg zu bringen.

Stationäre Händler müssen zusätzlich digital werden. Die Identifikation der Kunden mit ihrer Region bietet hier gute Absatzchancen. Wir alle – Kunden, Händler, Politik, Verwaltungen – sind gefordert, an dieser Bewusstseinsänderung mitzuwirken und unser Kaufverhalten anzupassen. Regional denken, regional handeln und regional kaufen!

Schwan

Innovation in Krisenzeiten

23.06.2020

› Interview mit Mirjam Schwan, Geschäftsführerin Fitt gGmbH

Frau Schwan, Innovation in Krisenzeiten ist wichtiger denn je. Gleichzeitig haben jedoch viele Unternehmen gerade jetzt vordringlichere Sorgen und sind versucht, Forschungsprojekte erstmal auf Eis zu legen. Welchen Beitrag kann der Wissens- und Technologietransfer hier leisten?

Transfer, also der kontinuierliche und gegenseitige Austausch von Ideen, Wissen, Technik und Menschen mit Partnerorganisationen, sozialen Gruppen und Unternehmen, ist auch in ‚normalen‘ Zeiten kein Selbstläufer. Zwar nutzen viele Unternehmen bereits die Kooperation mit der Hochschule, um innovative Lösungen zu entwickeln, allerdings sind wir als Institut für Technologietransfer ständig gefordert, Aufklärungsarbeit dahingehend zu leisten, was (Technologie-) Transfer tatsächlich leisten kann und wie man ihn ausgestaltet. Krisenzeiten können auch Chancen eröffnen, denn sie beschleunigen oder verschärfen bereits vorhandene Entwicklungen. Dies wird auch derzeit im Kontext der Corona-Pandemie wieder deutlich, insbesondere in Bezug auf die Digitalisierung. Aber auch andere dringende Handlungsbedarfe, wie z.B. die Klärung der handelspolitischen Fronten, der Klimaschutz oder der Umgang mit dem demographischen Wandel werden uns durch die aktuellen Entwicklungen noch deutlicher vor Augen geführt. Diejenigen Unternehmen, die in innovativen Geschäftsfeldern unterwegs sind, treiben ihre Innovationen auch in Krisenzeiten weiter voran und nutzen entstehende Freiräume dafür. Für zahlreiche Unternehmen ist die derzeitige Situation allerdings existenzbedrohend, sodass hier die Prioritäten natürlich anders gesetzt werden. Schließlich gibt es auch eine Gruppe von Unternehmen, die momentan etwas zurückhaltender in Bezug auf Forschungsbudgets geworden ist, bis klarer ist, wie sich die Situation mittel- bis langfristig weiterentwickelt. Insgesamt hatten wir im März und besonders April wenig bis gar keine Nachfrage zu verzeichnen, jetzt nimmt das Interesse an Kooperationen aber wieder zu. Es gibt schließlich auch neue staatliche Anreize, die Unternehmen ein Forschungsengagement erleichtern. Hier ist beispielsweise die neue steuerliche Forschungszulage zu nennen, die forschende Unternehmen steuerlich entlasten soll. Zwar kann diese aktuell noch nicht beantragt werden, wir bereiten uns aber schon darauf vor, wie wir interessierten Unternehmen diesbezüglich zur Seite stehen können. Forschung und Entwicklung sowie die Beauftragung von Forschungsinstituten werden damit deutlich attraktiver.

Gibt es konkrete Positivbeispiele aus Ihrem Wirkungskreis?

Ich würde sagen, in der Industrie liegen die Forschungsprojekte momentan teilweise noch auf Eis, in der IT-Branche ist das Interesse gestiegen – wobei die gute Auftragslage in dieser Branche wiederum Engpässe beim Personal verursachen kann. Hier können wir das Argument ins Feld führen, dass man durch eine Hochschulkooperation F&E einfach auslagern kann, wenn intern die Ressourcen fehlen. In der Hochzeit der Corona-Pandemie war dies natürlich aufgrund der Laborschließungen kein Argument. Jetzt läuft der Forschungsbetrieb aber wieder relativ normal. Umwelt- und Energietechnik, Life Science, Neurotechnologien – das sind ebenfalls Branchen, in denen es gut läuft und wir gerade neue Projektinitiativen begleiten.

Welche Unterstützungsleistungen bieten Sie konkret für Unternehmen an?

Zur Sensibilisierung und Information über die Möglichkeiten des Wissens- und Technologietransfers an der htw saar bieten wir regelmäßig Veranstaltungen an. In Kooperation mit saaris und KWT läuft schon seit Jahren erfolgreich das Format der sogenannten Laborgespräche, bei denen Unternehmen in ausgewählte Labore der Hochschule eingeladen werden, um konkret vor Ort zu erleben, welche Kompetenzen und Möglichkeiten in den verschiedenen Fachbereichen vorhanden sind und welche Kooperationsmöglichkeiten es gibt. Natürlich bieten wir auch immer mehr digitale Veranstaltungsformate an. Weiterhin steht jedem Unternehmen die Möglichkeit eines persönlichen Beratungstermins offen – entweder im Unternehmen selbst, bei uns im Büro oder auch über digitale Konferenztools. Der Vorteil der persönlichen Beratung ist, dass man in vertraulichem Rahmen über konkrete Weiterentwicklungsbedarfe im Unternehmen sprechen kann und wir natürlich auch gleich viel besser verstehen, was benötigt wird. Wir identifizieren sodann die passenden Forschungskompetenzen an der htw saar und bringen interessierte Unternehmen mit potenziell geeigneten Forschungsgruppen zusammen. Darüber hinaus beraten wir zu geeigneten Förderinstrumenten oder zu Umsetzung und Ablauf von privat finanzierten Forschungsaufträgen. Sobald eine Kooperation zustande kommt, begleiten wir bei der administrativen Abwicklung.

Wie genau läuft der Beratungsprozess ab? Was muss ich als Unternehmer tun, wenn ich interessiert bin?

Interessierte Unternehmen können sich jederzeit telefonisch oder per Email an unseren Technologietransfermanager oder mich wenden. Im Anschluss an den Erstkontakt versuchen wir immer auch zeitnah, ein persönliches Treffen zu organisieren, um die entsprechenden Bedarfe möglichst konkret zu kennen und so die entsprechenden Kompetenzen seitens der Hochschule und deren Instituten ausfindig zu machen. Gelingt dies, erfolgt im nächsten Schritt dann eine gemeinsame Besprechung mit den an einer Kooperation interessierten Professorinnen oder Professoren der htw saar.

Stark betroffen von den Auswirkungen der Pandemie sind auch viele junge Unternehmen, insbesondere, wenn das Geschäftsmodell auf schnelles Wachstum und die Unterstützung durch Investoren ausgerichtet ist. Gibt es etwas, das die FITT gGmbH tun kann, um Startups gerade in der Wachstumsphase zu unterstützen?

Wir bieten seit mehreren Jahren, gefördert vom saarländischen Wirtschaftsministerium und EFRE und in enger Kooperation mit KWT, Gründungsberatung für Startups in allen Entwicklungsphasen an. Seit diesem Jahr sind wir auch Partner im vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten und von der htw saar geleiteten Projekt EXIST Potentiale. In diesem Rahmen ist FITT speziell für die Beratung für Startups in der Wachstumsphase zuständig. Wir verfügen über ein gutes regionales und überregionales Netzwerk und somit auch über Zugänge zu Förderung und Finanzierung für junge Unternehmen. Neben dem bereits bestehenden Gründertreff möchten wir künftig auch ein spezielles Format des Austauschs für Scaleups organisieren, da wir überzeugt sind, dass innerhalb des Gründernetzwerks jeder von den Erfahrungen der anderen profitieren kann und sollte. Im Kontext der Corona-Krise haben wir natürlich auch regelmäßig zu den Soforthilfen und spezifischen Förderinstrumenten für (junge) Unternehmen informiert.

Woll

Saarländische Investitionskreditbank AG (SIKB) unterstützt mit „Sofort-Krediten“ die saarländische Wirtschaft

22.06.2020

› Interview mit Doris Woll, Vorstandsvorsitzende Saarländische Investitionskreditbank AG (SIKB)

Mit der Corona-Krise gehen viele Unternehmen unsicheren Zeiten entgegen. Das Land und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) versuchen mit unterschiedlichen Programmen die saarländische Wirtschaft aufzufangen. Die SIKB ist die Förderbank des Saarlandes, die Unternehmen, Existenzgründer und Privatkunden bei Finanzierungen von Investitionen und Betriebsmitteln in Zusammenarbeit mit den Hausbanken als regionaler Partner unterstützt. Wir sprachen mit der Vorstandsvorsitzenden Doris Woll, was kleinen und mittleren Unternehmen jetzt ganz konkret und schnell helfen kann.




Frau Woll, was müssen die kleinen und mittleren Unternehmen jetzt tun, um gut und gestärkt aus der Krise zu kommen?

Die Corona-Krise geht an kaum einem Unternehmen spurlos vorbei. Das heißt, jeder Unternehmer muss sich jetzt fragen: Was kann ich mit den vorhandenen Mitteln finanzieren? Und welchen Liquiditätsbedarf habe ich zusätzlich wegen Corona? Mit Beantwortung dieser beiden Fragen kann der zusätzliche Kapitalbedarf ermittelt werden:: Wie viele Monate bin ich voraussichtlich von der Pandemie betroffen? Welche Summe fehlt mir jeden Monat? Summieren Sie die beiden Zahlen und errechnen Sie damit den Betrag, den Sie benötigen.

In der derzeitigen Situation sind Unternehmen mehr denn je auf Unterstützung angewiesen. Was kann die SIKB in Corona-Zeiten für die saarländischen KMU tun?

Sowohl die Ministerien als auch die SIKB arbeiten daran, den Unternehmen jetzt schnellstmöglich Liquidität zu verschaffen. Hier kann z.b. das Programm „Sofort-Kredit-Saarland“ bei der SIKB beantragt werden. Günstige Zinssätze und eine schnelle Abwicklung machen das Programm zu einer wirklichen, Unterstützung in diesen herausfordernden Zeiten.

Wer kann einen solchen Sofortkredit beantragen? Was ist zu beachten? Und wie lange benötigt es, bis das Geld auf dem Konto ist?

Kleine und mittlere Unternehmen, freiberuflich Tätige und auch Gründer können den Sofort-Kredit-Saarland beantragen. Das Antragsformular steht auf unserer Homepage zur Verfügung. Die Auszahlung kann bereits ein bis zwei Tage nach der Rückgabe der unterzeichneten Kreditverträge erfolgen. Was wir benötigen, ist Ihre Mithilfe. Bitte füllen Sie das Antragsformular sorgfältig und vollständig aus und schicken Sie es uns. Anträge sind bis zum 31.12.2020 einzureichen. Wenn alle Unterlagen Wir benötigen die letzten beiden Jahresabschlüsse und die betriebswirtschaftliche Auswertung per 31.12.2019. Für alle gilt: Das Unternehmen muss vor dem 31.12.2019 als gesund gegolten haben.

Jan Benedyczuk

Umfangreiche Unterstützung der Wirtschaft bei der Ausbildung

16.06.2020

› Interview mit Jan Benedyczuk, Staatssekretär im Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes

Alle sind sich einig: Die Corona-Krise darf sich nicht zu einer Ausbildungskrise auswachsen. Schutzschirme werden von Land, Bund, Wirtschafts- und Sozialpartner sowie der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit aufgespannt. Wir sprachen mit dem Staatssekretär des Bildungsministeriums Jan Benedyczuk über die Hilfsprogramme.




Wie sehen Sie, Herr Staatssekretär, die derzeitige Situation in den Unternehmen? Sind alle Ausbildungsplätze besetzt?

Trotz des coronabedingten Rückgangs an Ausbildungsstellen stehen den Jugendlichen immer noch genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung. Auf 100 Bewerberinnen und Bewerber kommen derzeit 142 offene Stellen. Es könnte aber sein, dass so mancher Schulabgänger, manche Schulabgängerin aufgrund der verspäteten Abschlussprüfungen an den allgemeinbildenden Schulen erst jetzt beginnt, einen Ausbildungsplatz zu suchen und zu finden. Auch wie die Unternehmen in den nächsten Wochen und Monaten reagieren, ist noch nicht ganz absehbar. Klar ist, dass wir alles tun werden, um die Zukunft der jungen Leute zu sichern. Ihnen soll kein Nachteil entstehen.

Was können oder sollten Unternehmen jetzt tun?

Nur mit ausreichend Fachkräften können wir diese Krise überwinden. Wir appellieren an die Unternehmen ihre Ausbildungsangebote aufrechtzuerhalten und sicherzustellen, dass Ausbildungsverträge auch noch nach Beginn des Ausbildungsjahres geschlossen werden können. Alle beteiligten Institutionen werden die Unternehmen mit vereinten Kräften unterstützen.

Mit welchen Hilfsmaßnahmen können die ausbildenden Betriebe seitens der öffentlichen Institutionen rechnen?

Der Lernerfolg von Auszubildenden soll auch in der Pandemie nicht gefährdet werden. Es ist wichtig, gerade für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) Anreize zu schaffen, ihre Ausbildungsverhältnisse zu erhalten. KMU, die ihr Ausbildungsplatzangebot 2020 im Vergleich zu den drei Vorjahren nicht verringern, erhalten vom Bund für jeden neu geschlossenen Ausbildungsvertrag eine einmalige Prämie in Höhe von 2.000 Euro, die nach Ende der Probezeit ausgezahlt wird. Solche Unternehmen, die das Angebot sogar erhöhen, erhalten für die zusätzlichen Ausbildungsverträge 3.000 Euro. KMU, die ihre Ausbildungsaktivität trotz Corona-Belastungen fortsetzen und Ausbilder sowie Auszubildende nicht in Kurzarbeit bringen, können eine Förderung erhalten. Die Landesregierung, die Wirtschafts- und Sozialpartner sowie die Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit – werden ihre jeweiligen Unterstützungsangebote zudem weiter intensivieren. Dazu gehören beispielsweise umfassende und an die derzeitige Situation angepasste Vermittlungs-, Beratungs- und Begleitangebote.

Strobel

Automobilbranche im Saarland mit großem Potenzial und neuen Technologien auf dem Weg aus der Krise

05.06.2020

› Interview mit Dr. Pascal Strobel, Leiter Netzwerk automotive.saarland

Die Automotive-Branche steht gerade vor einem großen Strukturwandel, der durch Corona noch verstärkt wurde. Wir sprachen mit dem Leiter des Netzwerks automotive.saarland über die Chancen und Risiken dieser derzeit massiven Herausforderungen.




Herr Dr. Strobel, die Automobilindustrie ist auf dem Weg in eine komplett neue Art der Mobilität und muss gleichzeitig die Corona-Folgen überwinden. Wie ist die aktuelle Situation in den saarländischen Unternehmen?

Die Corona-Krise stellt die Automobilbranche in der Tat vor immense Herausforderungen. Eine kontinuierliche Auslastung der filigran aufeinander abgestimmten Produktionskette ist derzeit nicht möglich. In dem aktuellen Marktumfeld lässt sich eine erfolgreiche wirtschaftliche Planung – insbesondere für die Unterlieferanten – kaum realisieren. Die Hoffnungen richten sich nun auf das gerade verabschiedete Konjunkturpaket. Dieses kommt über eine Kaufprämie vorrangig Elektromobilen und Plug-In-Hybridfahrzeugen zugute und auch im Saarland werden Zulieferunternehmen davon profitieren. Dass auch der Kauf von Autos mit Verbrennungsmotoren über die verringerte Mehrwertsteuer gefördert wird, ist in seiner Bedeutung keinesfalls zu unterschätzen: Zum einen verursacht die neueste Motor-Generation deutlich weniger Emissionen als dies zum Beispiel noch vor zehn Jahren der Fall war. Das stellt im Sinne des Klimaschutzes eine weitreichende Verbesserung dar. Zum anderen bildet dieses Segment nach wie vor die wirtschaftliche Stütze der Automobilindustrie und wird noch lange Tragkraft haben. Umso tragischer ist die Schließung des saarländischen Traditionsunternehmens Halberg Guss zu bewerten. Diese ist nicht dem Technologiewandel geschuldet, denn im Nutzfahrzeugbereich werden Verbrennungsmotoren noch lange gefragt sein und gerade das saarländische Werk hätte noch viele Jahre sehr erfolgreich am Markt agieren können. Die Schließung entspringt rücksichtslosem und gleichgültigem Verhalten – insbesondere des Eigentümers, welches die Produktivität und technologischen Fähigkeiten des Betriebes und seiner Beschäftigten ignorierte. Mit den Saarbrücker Gusswerken hat die saarländische Automobilindustrie einen ihrer großen Leistungsträger verloren. Auch das wird uns noch eine lange Zeit umtreiben.

Wo sehen Sie die Chancen hinsichtlich des Mobilitätswandels für die saarländischen KMU? Was sind die Voraussetzungen diese zu nutzen?

Wie in anderen Regionen Deutschlands zeichnen sich saarländische Zulieferer mit besonderen Fertigkeiten im Bereich des Verbrennungsmotors aus. Mit Voranschreiten des Technologiewechsels geht deshalb ein starker Veränderungsdruck einher. Große im Land ansässige Konzerne wie Bosch, Schaeffler und ZF reagieren darauf mit hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung und richten ihr Produktportfolio strategisch neu aus. Dafür brauchen sie versierte Zulieferer, was für viele saarländische KMU Chancen bietet. Es gilt somit, diese zu nutzen, die eigenen, traditionellen Erfolgsspuren zu ergänzen und neue Kompetenzen aufzubauen, die in Zukunft – idealerweise auch in anderen Branchen – besonders gefragt sein werden. Eine weitere Chance stellt die IT-Expertise unseres Wissenschaftsstandortes dar. Durch Transfer anwendungsreifer Forschungsergebnisse in die Wirtschaft kann diese genutzt werden. Dabei spielt ein gedeihliches Umfeld für die Ausgründung von Start-up-Unternehmen eine entscheidende Rolle. Darüber hinaus können bestehende Betriebe mit modernsten Technologien ihre Wettbewerbsfähigkeit in der Produktion und in Unternehmensprozessen nachhaltig verbessern, zum Beispiel mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz oder materialwissenschaftlicher Neuerungen.

Was müssen die Betriebe nach der Corona-Zeit tun, um langfristig stark und wettbewerbsfähig zu bleiben?

Die staatlichen Hilfsprogramme sind eine sehr wichtige Unterstützung und haben viele Unternehmen während der Corona-Krise vor der Insolvenz bewahrt. Dennoch hat diese Zeit tiefe Spuren hinterlassen und es wird noch eine anspruchsvolle Strecke zurückzulegen sein, bis sich die wirtschaftliche Situation wieder normalisieren kann. Hier ist entscheidend, dass das Produktportfolio der Unternehmen wieder gut im Markt angenommen wird. Im Hinblick auf den langfristigen Unternehmenserfolg wird es auf eine ausgeprägte, marktorientierte Innovationsstärke ankommen. Je besser sich Betriebe die Vorzüge neuer Technologien in ihren Produkten und Produktionsprozessen zunutze machen können, umso besser werden sie sich im Markt behaupten. Das Potenzial dazu haben unsere saarländischen Unternehmen und Fachkräfte allemal. Die Förderprogramme von Land, Bund und EU können zudem wichtige Investitionsanreize setzen und bei der Entwicklung und dem Einsatz zukunftsweisender Technologien entscheidend unter die Arme greifen. Aus diesem Grund setzen wir bei saaris dazu immer wieder Impulse, bringen Unternehmen, Forschungsstellen und weitere Partner zusammen und beraten bei der Antragsstellung und technischen Weiterentwicklung. Die stark frequentierten Netzwerktreffen von automotive.saarland sind dafür die perfekte Plattform und zudem idealer Ausgangspunkt, um unsere Kompetenzen außerhalb Deutschlands und Europas noch bekannter zu machen.

Pohl

Lokale Unternehmen unterstützen lokale Unternehmen: Landkreis-Wirtschaftsförderung WFUS startete Initiative für regionale Wirtschaft in der Corona-Krise

04.06.2020

› Interview mit Jürgen Pohl, Geschäftsführer Wirtschaftsförderung Untere Saar

Solidarisch! Gemeinsam! Stark!
Wirtschaftsförderung Untere Saar an der Seite ihrer Unternehmen

Der Landkreis Saarlouis hat ein klares Ziel vor Augen: In der Krise geht es um gegenseitige Unterstützung und gemeinsames Zusammenstehen. Mit der Initiative "Unternehmen helfen Unternehmen (UHU)" soll ein starkes Netzwerk aller wirtschaftlichen Player im Landkreis entstehen. Initiator ist die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Untere Saar mbH (WFUS). Wir sprachen mit dem Geschäftsführer Jürgen Pohl:


Herr Pohl, mit dem Kooperationsportal der WFUS haben Sie eine beispielhafte Aktion ins Leben gerufen. Was haben Sie genau vor?

Die aktuelle Situation der COVID-19-Pandemie bedeutet auch für unsere Wirtschaft einen sehr gewaltigen Einschnitt. Viele Betriebe im Handwerk, Handel und Dienstleistungssektor, branchenübergreifend kleine und mittlere mittelständische Unternehmen (KMU), besonders aber Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie, (Solo-)Selbständige, aber auch Künstlerinnen und Künstler leiden bereits seit vielen Wochen unter den Folgen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen „Shutdowns“.

Der Landkreis Saarlouis und die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Untere Saar mbH (WFUS) starteten bereits zu Beginn der Corona-Krise die Initiative „UNTERNEHMEN HELFEN UNTERNEHMEN“, um das Wirtschaftsleben in unserem Landkreis und in den einzelnen Kommunen zu unterstützen. WFUS bietet Unternehmen einen „virtuellen“ Marktplatz an, auf dem sie sowohl Suchanfragen als auch Angebote eintragen können.

Viele Unternehmen haben in der Krise besondere Probleme, z. B. durch unterbrochene Lieferketten, ihren Bedarf an Rohstoffen, Zulieferteilen oder Dienstleistungen zu generieren. Andererseits sind vielen Unternehmen, insbesondere auch kleinen und mittleren (KMU), Absatzmärkte verloren gegangen.

Um negative Folgen während der andauernden Corona-Krise gemeinsam etwas besser auffangen zu können, stellt „UNTERNEHMEN HELFEN UNTERNEHMEN“ Firmen aus dem Landkreis Saarlouis die Möglichkeit zur Verfügung, Suchanfragen einzustellen oder Angebote zu offerieren.

Diese können Rohstoffe, Waren (Halb- und Fertigerzeugnisse) sowie Dienstleistungen umfassen, aber auch (befristet) eigenes Personal und Know-how sowie alles andere, von dem sie annehmen, dass es hilfesuchenden Unternehmen, Organisationen und öffentlichen Behörden in dieser Zeit helfen könnte. Es können aber auch immaterielle Hilfen oder Sachspenden angeboten werden.

Mit dem Portal bieten wir Unternehmen einen „virtuellen Marktplatz“ an, auf dem sie ihr immenses Knowhow und ihre vielfältigen Produkte und Dienstleistungen anbieten können. Auf der anderen Seite wollen wir Betrieben die Möglichkeit bieten, aktuell vorhandene Bedarfe, die sie adhoc nicht am Markt befriedigen können, aber dringend benötigen, um ihre Geschäftstätigkeit aufrecht zu erhalten, über unser Portal nachzufragen. Diese Suchanfragen können sich ebenfalls auf Produkte, Dienstleistungen aber auch Personalgesuche beziehen. Darüber hinaus ist es auch möglich, neben dieser gezielten Angebots- und Suchaktivität auch freiwillige Sachspenden in den vorgenannten Bereichen anzubieten, genauso wie auch Anfragen nach Spenden in dem Portal generell möglich sind. D.h. einerseits ein „B2B-Marktplatz“, andererseits auch die Möglichkeit, dieses Portal als eine Art "Spendenbörse" zu nutzen.

Mit unserer Initiative wollen wir in diesen Notzeiten gezielt die gegenseitige Bereitschaft in der regionalen Wirtschaft zur gegenseitigen solidarischen Hilfe und Unterstützung herausstellen. Wenn schon Kunden und Märkte außerhalb unserer Region wegfallen, so wollen wir mit diesem Portal ein kleines Zeichen setzen, die regionale Wertschöpfungsketten zu stärken. Die Hoffnung, dass über die Krise hinaus dieser Spirit des Zusammenhaltes bestehen bleibt, ist natürlich mit unserer Initiative durchaus auch verbunden.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Das Portal „UNTERNEHMEN HELFEN UNTERNEHMEN“ ist ein Kooperations-Portal auf WFUS.de!
Die Eintragung in das Kooperations-Portal ist ganz einfach: Angebote bzw. Suchanfragen/Nachfragen erfolgen über das Kooperationsportal der WFUS (= digitale Marktbörse)

Viele Betriebe „scheuen“ sich, ihre Suchanfragen sichtbar zu machen. Deshalb wird diesen Unternehmen seitens WFUS eine absolute Diskretion garantiert. Eine Freischaltung erfolgt auch nur nach Autorisierung der jeweiligen Unternehmen, ansonsten wird es zu einem Austausch zwischen Anbieter und Nachfrager nur über WFUS kommen. Die jeweilige Eintragung der Unternehmen wird durch WFUS vorher geprüft und dann erst freigeschaltet.
Es ist auch möglich, Suchanfragen „diskret“ zu stellen, d.h. diese erscheinen dann nicht im für Dritte sichtbaren Feld. In diesen Fällen vermitteln wir seitens WFUS im direkten b2b-Bereich zwischen Nachfrager und Anbieter.
WFUS tritt generell lediglich als „Vermittler“ der beteiligten Akteure auf und bietet das dazu erforderliche Portal auf seiner Homepage an. Die Wirtschaftsakteure agieren aber nach der initiierten Kontaktanbahnung selbst autonom in ihren anschließenden wirtschaftlichen Beziehungen.

Sie haben erste positive Ergebnisse. Welche?

Eine der ersten Vermittlungen über die Plattform half gleich zwei Firmen im Landkreis. Bei dem Saarwellinger Pasta-Hersteller D’Angelo stieg kurzfristig die Nachfrage nach seinen Produkten auf das Doppelte bis Dreifache. Mit seinen 35 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen stieß das Unternehmen schnell an seine Produktionsgrenze und konnte aufgrund der aktuellen „Corona-Krise“ kein neues Personal rekrutieren. Über die Aktion von WFUS kooperiert die Firma D’Angelo nun mit dem Nalbacher CateringUnternehmen Partyservice Schwed, das wegen der aktuellen Pandemie für seine Mitarbeiterschaft Kurzarbeit anmelden musste. „Über die Möglichkeit, die freigestellten Mitarbeiter des Unternehmens Partyservice Schwed in unserem Betrieb zu beschäftigen, waren wir sehr glücklich. Ein gutes Beispiel von zielorientiertem Handeln zum Nutzen aller Beteiligten“, so Geschäftsführer Helmut Strupp und CMO Gregor Franz von Pasta D‘Angelo. Zusammen mit der Wirtschaftsförderung des Landkreises wurden die notwendigen Rahmenbedingungen schnell und unbürokratisch hergestellt, sodass jetzt zehn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Partyservice Schwed während ihrer Kurzarbeit Pasta D’Angelo bei der Bewältigung des Auftragsvolumens unter die Arme greifen konnten.

Geschäftsführerin Stephanie Veith: “Es freut mich sehr, dass über die WFUS unsere Mitarbeiter der Firma Pasta D`Angelo helfen konnten. Alles war sehr unkompliziert und vertrauensvoll.“

„Ich freue mich sehr, dass die Unternehmen die Initiative „UNTERNEHMEN HELFEN UNTERNEHMEN“ so gut annehmen und sich beteiligen. Dies stärkt und fördert die regionale Zusammenarbeit von Unternehmen in unserem Landkreis“ “ sagt Landrat Patrik Lauer.

„Die Kooperation zwischen Pasta D‘Angelo und Partyservice Schwed macht deutlich, wie wichtig es ist, dass regionale Unternehmen in der Corona-Krise enger zusammenrücken und sich gegenseitig helfen“, erklärt WFUS-Geschäftsführer Jürgen Pohl. „Dieses konkrete Beispiel zeigt auf, wie vielfältig gegenseitige Unterstützung aussehen kann und wie notwendig sie ist“, betont Pohl.

Weitere Beispiele positiver Ergebnisse:
Der Landkreis Saarlouis bat um Mithilfe bei der Suche nach Mund- und Nasenmasken, die für den zu beginnenden Schulbetrieb dringend benötigt wurden. Die Fa. Adient im Ford-Supplier-Park in Saarlouis unterstützte durch die Aktion „UHU“ den Landkreis Saarlouis mit einer Sachspende von 3000 Mund-Nasenmasken. WFUS agierte im Rahmen dieser Initiative tatkräftig als Vermittler zwischen den beiden Akteuren. Ebenso konnte auch durch die Vermittlung von WFUS die Landkreisverwaltung von einer Firma aus dem Landkreis dringend benötigte Mengen an Desinfektionsmittel erwerben. Weitere Beispiele gegenseitiger „b2b“-Tätigkeiten befinden sich in der aktuellen Abwicklung. Aber die wenigsten Unternehmen möchten dies öffentlich bekannt gemacht wissen.

Anterist

Internationalisierung trotz Corona

29.05.2020

› Interview mit Prof. Anterist, Geschäftsführer Intergest

InterGest ist globaler Dienstleister und Partner von Saaris und der Saarwirtschaft.
Das Netzwerk bietet Unternehmen moderne und effiziente Möglichkeiten, ausländische Märkte erfolgreich zu erschließen. In über 50 Ländern betreuen etwa 750 Mitarbeiter schon heute rund 1.700 Unternehmen.

Die Intergest-Partner vor Ort sind aufgrund einer Kooperationsvereinbarung mit Saaris und dem saarländischen Wirtschaftsministerium Repräsentanten der Saar-Wirtschaft in ihren jeweiligen Ländern.

Für saarländische Mittelständler und Startups ist die Erstberatung bei Intergest-Partnern kostenfrei.
Das Franchiseunternehmen hat seinen Hauptsitz in Saargemünd und betreut dort 160 Kunden allein in Frankreich.

Wir sprachen mit dem erfahrenen Intergest-Geschäftsführer Prof. Peter Anterist über die weltweite Coroanakrise, ihre Auswirkungen auf die Außenwirtschaft und die Möglichkeit deutscher Unternehmen, ohne großen Aufwand, den Weg in die Internationalisierung zu starten.


Herr Prof. Anterist, was ist Ihre Meinung? Ist jetzt die richtige Zeit, die Wirtschaft wieder hochzufahren?

Ja, unbedingt. Es ist an der Zeit, die Eigenverantwortung der Menschen und Unternehmen wieder in den Vordergrund zu rücken.

Was für eine Auswirkung hat Corona auf die Globalisierung?

Ich glaube, dass es langfristig keine Auswirkungen auf die Globalisierung haben wird. Corona ist eine Pandemie, das heißt es betrifft die ganze Welt und jedes einzelne Land. Es trifft auch alle Märkte, die einen stark, die anderen weniger. Alle sitzen im selben Boot. Die Globalisierung wird danach weitergehen.

Was macht Sie so sicher?

Pandemien in dieser Ausprägung sind selten. Sie kommen nicht alle fünf Jahre vor, eher einmal im Jahrhundert. Angst und Zurückhaltung sind da schlechte Ratgeber. Die Märkte, ihre Bedarfe und die Produktionskapazitäten sind vorhanden. Das Exportland Deutschland beispielsweise benötigt Märkte überall auf der Welt. Ebenso brauchen zahlreiche Länder auf allen Kontinenten zur Weiterentwicklung deutsche Produkte, deren Qualität weltweit immer noch einen hervorragenden Ruf hat. Da ist auch erstmal keine Änderung in Sicht. Wirtschaftsunternehmen schauen und orientieren sich an Märkten und nicht an Krankheiten oder Politik. Deshalb bin ich sicher, es führt kein Weg an der Globalisierung vorbei. Es gibt keine Alternative. Es macht allerdings Sinn, sich Gedanken über weitere Diversifikationen zu machen.

Können Sie das näher erklären? Was meinen Sie damit?

Wenn ich von Diversifikation spreche, meine ich, die Absatzmärkte auf mehrere Länder zu verteilen. Arbeitet ein Unternehmen mit nur einem Markt, reicht ein wirtschaftliches Embargo, um den gesamten Betrieb zu instabilisieren. Die Gefahren liegen also nicht in Krankheitserregern, sondern eher in Regierungen. Deshalb sollte jedes Unternehmen, das international agieren möchte, einen Plan B bzw. Alternativen in der Tasche haben, um im Bedarfsfall in andere Länder ausweichen zu können. Das gilt sowohl für Produktionsstätten als auch für Absatzmärkte. Ein schneller Wechsel aufgrund politischer Entscheidungen sollte immer möglich sein. Was erfolgreiche Unternehmen benötigen, ist eine Balance zwischen den Märkten, um sich immer wieder neu anpassen zu können.

Für wie wichtig und essentiell sehen Sie zukünftig internationale Lieferketten und Kooperationen?

Absolut essentiell! Ein Verzicht darauf ist nicht möglich. Bei internationalem Handeln sind Kooperationen ein Muss. Das Corona-Virus ist auf dem Rückzug, die Märkte werden sich weiterentwickeln. China hat seine Wirtschaft bereits hochgefahren. Da läuft fast alles wieder im Normalbetrieb. Was die Lieferketten im Allgemeinen betrifft, so müssen die Zulieferer den Preis- und Qualitätsvorstellungen der Hersteller entsprechen. In Deutschland ist eine Produktion in einem so großen Stil wie wir sie benötigen, gar nicht möglich. Wir benötigen die Lieferketten in China, Indonesien und Indien, um die Preise anbieten zu können, die unsere Kunden bereit sind zu bezahlen. Auf der anderen Seite brauchen diese Länder auch uns und sind darauf angewiesen, dass wir dort produzieren. Wir bieten Arbeitsplätze und Entwicklungsmöglichkeiten. Würden wir auf eine Produktion in Deutschland umstellen, wäre mit Sicherheit keine Wettbewerbsfähigkeit mehr gegeben. Deshalb bin ich sicher, dass auch die internationalen Lieferketten unverändert bleiben werden.

Wird sich etwas verändern?

Die Kommunikation. Das zeigt sich schon heute. Mit neue Plattformen wie Teams oder Zoom haben sich in der Krise ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation entwickelt, die auch bestehen bleiben werden. Sicher wird es entsprechend weniger Flugverkehr geben. Aber: Die Präsenz vor Ort wird im internationalen Geschäft immer essentiell sein. Egal ob eine Maschine installiert bzw. gewartet oder ob Vertrauen zu einem neuen Geschäftspartner aufgebaut wird, da entscheidet das persönliche Gespräch, das physische Miteinander über den Erfolg.

Noch mal zurück zu Corona. Was ist Ihre persönliche Einschätzung. Wie wird es weitergehen?

Das Virus ist auf dem Rückzug. Wir werden lernen müssen, damit zu leben. Genau wie mit dem Grippevirus, das jährlich auch viele Tote mit sich bringt. Ich glaube nicht an die ganz große, weitere Welle. Wir alle sind mittlerweile so sensibilisiert, dass wir rechtzeitig auf die Bremse treten würden. Die Wellen schwappen zwischen den Kontinenten hin und her. Schon fast versiegt in Fernen Osten, einigermaßen im Griff in Europa, sind sie jetzt hoch in Südamerika und werden vielleicht länger auf den pazifischen Inseln bleiben. Entsprechend ist die Wirtschaft in China wieder hochgefahren, bei uns startet sie gerade ganz langsam, in anderen Ländern herrscht noch Stillstand. Auf all das werden wir uns einstellen müssen.

Herr Anterist, Sie sind Geschäftsführer von InterGest France und unterstützen deutsche Unternehmen bei der Internationalisierung. Was sind die ersten Schritte, wenn sich ein Betrieb auf den Weg in die weite Welt macht?

Die gute Nachricht: Die meisten Unternehmen haben bereits 80-90% von dem, was sie benötigen. Sie wissen es nur noch nicht. Startet man in der EU, sind die Warenwirtschaftssysteme, oft ERP-Systeme, sehr schnell auf andere Länder übertragbar. Lagerhaltung ist unkompliziert, Logistiker sind international vernetzt und bieten zahlreiche Zusatzdienstleistungen an. In der Produktion sind häufig nur kleinere Veränderungen am Produkt notwendig, um sich den Gegebenheiten anderer EU-Länder anzupassen. Preisstruktur und IT sind ebenfalls meist schon vorhanden. Alles andere, die gesamte Verwaltung und Administration wie Buchhaltung, Gründung, Recht, Abrechnungen, Steuern, Finanzen, Marketing nimmt Ihnen die InterGest ab. Wir sind ein Franchiseunternehmen. In Saargemünd arbeiten 60 Mitarbeiter, die deutschen Unternehmern beim Weg in die Internationalisierung alles abnehmen, was schwierig erscheint. Sie benötigen noch nicht einmal ein eigenes Büro. Unsere Partner müssen sich nur um ihr Personal, ihre Technik und die Kunden kümmern. Mit uns erhalten deutsche Firmen alles aus einer Hand.

Wie sieht die Situation außerhalb der EU aus?

Auf jeden Fall handhabbar mit unserer Unterstützung. In weit entfernten Ländern gilt es, eine Infrastruktur, also ein Büro bzw. Standort aufzubauen. Reisekosten gehören ebenso dazu wie das Wissen um Sprache und Kultur.

Was können deutsche Betriebe erwarten, wenn Sie zu Ihnen kommen? Und wo liegen die Herausforderungen, wenn das internationale Geschäft dann anläuft?

Wir starten mit einer Ist-Analyse, während derer viele schon erkennen, dass sie schon ziemlich alles mitbringen, was sie benötigen. Unternehmen scheitern im Ausland selten an ihren Produkten. Die Anpassung an die unterschiedlichen Märkte ist meist einfach. Wenn sie scheitern, scheitern sie häufig an mangelnder Konsequenz. Marketing, Kommunikation und Vertrieb gibt es überall auf der Welt und auf jedem Markt. Die Marktbearbeitung darf nicht vernachlässigt, der Aufbau muss ernst genommen werden. Dazu benötigt es wie in Deutschland auch: Zeit, persönlicher Einsatz und Präsenz. Kundenbeziehungen müssen aufgebaut werden. Schlussendlich greift unser Motto: „Geht in die Länder, wir helfen, es ist alles da: Mitarbeiter, Technologie, Know How“.